Liebe Yogins und Yoginis,

Das Thema heute unterm Baum soll der gesamte Weg des Yoga sein. Damit ist nicht nur die Meditation, auch wenn diese ein sehr wichtiger Punkt ist, sondern zusätzlich die Moral gemeint. Sie spielt im Yoga eine mindest genauso große Rolle wie alles andere.

Um sich das “Komplettpaket” anzuschauen, benutzt man am besten die Schriften zweier sehr berühmter Yogins. Einmal den edlen achtfachen Pfad Buddhas, der auf den vier edlen Wahrheiten basiert und zum zweiten den achtgliedrige Pfad des Yoga aus dem Yoga-Sutra Patanjalis.

Beide Wege sind sich sehr ähnlich, man kann behaupten, dass es im Grunde ein und dieselbe Sache ist. Den größten Unterschied macht wohl die Sprache. Patanjalis Yoga-Sutra ist in Sanskrit verfasst, wobei viele Texte des Buddhas in Pali geschrieben sind. Bedeutet, dass oft dieselbe Sache gemeint ist aber ein anderes Wort dafür benutzt wird.

Ein Beispiel ist das Sanskrit Wort “Dhyana”, das in etwa Versenkung oder Meditation heißt. Dieses Wort wurde im Buddhismus später dann zu Jhana, auf dem Weg nach China verwandelte es sich dann in das heutige Chan und die Japaner nahmen es von dort mit und nannten es Zen. Die Wurzel der Bedeutung ist jedoch seither dieselbe geblieben.


Die acht Punkte des Weges

Schauen wir uns also die jeweiligen acht Punkte der beiden Pfade an. Es gibt jeweils drei Kategorien der Einteilung, wie es beim edlen achtfachen Pfad eigentlich üblich ist, jedoch im achtgliedrigen Pfad des Yoga nicht. Dennoch ist es ohne große Probleme machbar, denn wie schon gesagt, im Grunde ist dasselbe gemeint. Die drei Kategorien sind Moral, Wissen und Versenkung.


Moral

Zur Moral des Buddhas gehören folgende drei Punkte, rechte Rede, rechtes Handeln und rechter Lebensunterhalt. Patanjali zählt hier nur zwei Dinge auf, Regeln der Sittlichkeit und die Regeln der Selbstkontrolle. Beide Regeln Patanjalis haben jeweils noch fünf Unterpunkte, anhand derer man die komplette Moral, einschließlich der Punkte des Buddha, erklären kann.

Regeln der Sittlichkeit

yama: ahimsa × satya × asteya × brahmacharya × aparigraha

ahimsa: Gewaltlosigkeit gegenüber anderen und sich selbst.

satya: Wahrhaftigkeit in Wort und Tat.

asteya: Nicht-stehlen.

brahmacharya: Wird oft mit Zölibat übersetzt, was man so oder so nehmen kann. Ich interpretiere es als Wandeln in der Lehre oder dem Dharma und nicht davon abzuweichen.

aparigraha: Anspruchslosigkeit an geschaffenen Werken.

Regeln der Selbstkontrolle

niyama: sauca × samtosa × tapas × svadhyaya × ishvarapranidhana

sauca: Reinheit des Körpers und Geistes.

samtosa: Genügsamkeit.

tapas: Selbstdisziplin und Zügelung.

svadhyaya: Selbstreflexion.

ishvarapranidhana: Vertrauen und Hingabe.

Der letzte Punkt der hier fehlt, ist der rechte Lebensunterhalt. Ein falscher Lebensunterhalt würde aus den folgenden Dingen bestehen: Handel mit Waffen, lebender Wesen, Fleisch, berauschender Getränke oder Gifte.

Ziel der Moral

Die Moral hat im täglichen Leben insofern eine große Bedeutung da sie den Geist in eine friedvolle Stimmung versetzt. Weiß man, dass etwas Unrechtes getan wurde, meldet sich sehr schnell das Gewissen zu Wort und man hält es sich selbst vor. Somit gäbe es eine schwache Grundlage des Übens auf unserem Weg des Yoga. Ein reines Gewissen lässt weniger an die vergangene Taten denken und beseitigt damit Zweifel.


Wissen

Die zweite Kategorie heißt Wissen. Hierzu zählt Buddha die rechte Ansicht und rechte Absicht. Bei Patanjali hat das Wissen mit der Beobachtung dreier Dinge zu tun, der Haltung, dem Atem und der Sinne.

Mit rechter Ansicht ist das unterscheiden zwischen gut und schlecht gemeint. Um dies richtig zu unterscheiden, zieht man die vorherigen Regeln zu Hilfe. Beachtet man die Moral, kann leicht herausgefunden werden ob die Ansicht im Einklang mit dem Weg steht oder eben nicht.

Die rechte Absicht hat mit der Intention zu tun, mit welcher man an Dinge heran geht. Die Absicht beruht wiederum auf der rechten Ansicht, es baut eben alles aufeinander auf. Man sollte mit der Absicht handeln und reden um im Einklang mit dem Pfad zu stehen. Die falsche Absicht wäre es für die eignen Bedürfnisse oder das Ego zu handeln. Egoismus lässt uns eben oft das falsche tun und später auch bereuen.

Patanjalis Idee kommt hier auf den ersten Blick ein wenig abstrakt vor. Achtet man auf die Haltung, sowohl Körperlich als auch Geistig, ist man jedoch bei demselben Punkt wie oben, der rechten Ansicht. Genauso verhält es sich beim Beobachten des Atems. Oft verrät der Atem in welcher Verfassung sich der Geist, gerade jetzt in diesem Moment, befindet. In vielen Momenten des Streits und der Aufregung bemerkt man einen flachen und hektischen Atem, versucht man dann wieder zur Besinnung zu kommen und atmet einige Male tief ein und aus kann man sich wieder leicht beruhigen und sammeln.

Der letzte Punkt ist hier das Beobachten oder auch Kontrollieren der Sinne. Eben durch dieses kontrollieren sieht man die eigentlichen, oft egoistischen, Absichten. Weiß man weshalb und warum der Geist auf die jeweiligen Eindrücke reagiert, können auch die Absichten in Einklang gebracht werden.

Ziel des Wissens

Durch diese Kategorie, die also wieder auf die vorherige aufbaut, bekommt man nützliche Einsichten in die “automatisierten” Verhaltensmuster. Es geht um das Gewahr werden der alltäglichen Reaktionen auf Dinge und Muster. Dadurch beginnt das klare sehen wie sich der Geist auf Dinge zubewegt und weshalb. Damit ebnet sich der Weg für die dritte Kategorie…


Versenkung

Beginnend wieder bei Buddha, er fängt mit rechter Anstrengung an, darauf folgt die rechte Achtsamkeit (“sati”) und als letztes die rechte Konzentration, auch “samadhi” genannt. Bei Patanjali ist es genau dieselbe Reihenfolge nur durch andere Worte ausgedrückt. Die Worte Patanjalis sind dharana, dhyana und auch als letztes samadhi.

Den Anfang macht die rechte Anstrengung bzw. dharana. Gemeint ist die Ausrichtung des Geistes und welches Ziel er verfolgt. Es ist geistige Anstrengung die man zu Beginn benötigt, da der Geist es leider gewohnt ist, zu machen was er will. Nun will man ihm diese Kontrolle entziehen und das Ruder übernehmen, natürlich wird er sich aber gegen Meuterei wehren, deshalb auch die nötige Anstrengung.

Folgend also dhyana oder die rechte Achtsamkeit. Anders ausgedrückt, die Konzentration unseres Geistes. Man versucht den Geist kontinuierlich auf ein Thema oder Objekt zu richten. Ein Beispiel für diesen Vorgang findet man z.B. beim Pfad der Samatha-Meditation. Hat man den Geist langsam konzentriert oder unter Kontrolle gebracht, öffnet sich das Tor zum letzten Punkt… samadhi.

Sowohl bei Buddha als auch Patanjali trägt der abschließende Punkt des Weges den Namen “samadhi“. Dieses in Worten zu übersetzen oder zu beschreiben wäre ein fataler Fehler und die meisten versuche es zu tun, enden in Verwirrung oder falschen Ansichten der Meditation. Kurz, es ist die Einpünktigkeit des Geistes oder die Verschmelzung mit dem Thema.

Ziel der Versenkung

Die Frage ist, was soll man hier nun schreiben? Das Ziel ist die Einpünktigkeit und totale Konzentration des Geistes, es sollte durch ständige Übung selbst erfahren werden. Die nötigen Dinge und Eigenschaften, sowie eine Karte für den Weg, findet man HIER.


Zusammenfassung

Zum Schluss bleibt zu sagen, dass die jeweiligen acht Punkte der beiden komplett aufeinander aufbauen. Es gibt keinen Punkt ohne den anderen, das sollte klar sein! Angefangen mit der Moral, die dem Geist ruhe gewährt, dem Wissen, welches daraufhin Einsicht in den Geist geben soll und zum Abschluss die Versenkung, welche die Wurzel des Geistes offen legt und uns aus diesem Traum erwachen lässt.


Denkt daran, es ist die Erforschung des eigenen Geistes, bedeutet also nur man selbst kann diesen Weg gehen und erfahren. Durch bloßes lesen und Dharma-Videos und Vorträge schauen, kommt nichts. Bleibt am Ball!

Bis zum nächsten Mal unterm Baum,

Namaste, Metta und Adé
-Anagarika