Liebe Yogins und Yoginis,

Heute ist eines meiner Lieblings Themen unterm Baum dran, die Samatha-Meditation oder tibetisch Shine-Meditation. Samatha ist das Zügeln oder zur Ruhe bringen des Geistes weshalb diese Technik auch oft mit Geistesruhe-Meditation übersetzt wird.

Die Samatha-Meditation ist in allen Richtungen des heutigen Buddhismus, zusammen mit Vipassana (Vipashyana) oder tibetisch Lhaktong, sehr verbreitet und zählt zu den Haupttechniken der Meditation.

Diese Technik ist, zusammen mit “sati” oder Achtsamkeit, für eine der wichtigsten Eigenschaft die es zu kultivieren gibt verantwortlich. Namentlich die Konzentrationsfähigkeit. Durch gesteigerte Konzentration gelangt der Geist zur Ruhe und schließlich zur Einpünktigkeit, mit der man wiederum Jhana entwickelt und dadurch Vipassana oder “die Einsicht in die wahre Natur der Dinge” bekommen kann.

Jede Richtung des Buddhismus nutzt eine Art Samatha-Meditation, der tibetische Mahayana, der thailändischen Theravada, der chinesische Chan oder der japanischen Zen. Alle zählen genau diese zu einer ihrer Techniken.

Dennoch benutzten nicht alle Richtungen die gleichen Objekte der Samatha-Technik. Im Visuddhimagga, einem Kommentar des Pali-Kanons, beschreibt Buddhaghosa die 40 Objekte (kammaṭṭhāna) die man nutzten kann.

Bevor wir nun in die tiefe dieser Technik gehen, schauen wir uns als erstes diese Objekte an.


Die 40 Objekte

Die 10 sichtbaren Objekte:

  • Erde • Feuer • Wasser • Wind
  • Blau • Gelb • Rot • Weiß
  • Licht • Raum

Die 10 Arten der Fäulnis einer Leiche:

  • aufgebläht • verfärbt • eitrig • zerschnitten
  • zerfressen • zerrissen • zerhackt • blutend
  • Wurm befallen • Skelett

Die 10 Arten der Besinnung:

  • Buddha • Dharma • Sangha
  • Tugend • Großzügigkeit • Gottheit
  • Tod • Körper • Atem • Frieden

Die 4 göttlichen Eigenschaften:

  • liebende Güte • Mitgefühl
  • Fröhlichkeit • Gelassenheit

Die 4 unstofflichen Zustände:

  • grenzenloser Raum • grenzenloses Bewusstsein • Leerheit
  • weder Wahrnehmung noch Nichwahrnehmung

Die eine Wahrnehmung:

  • Widerwärtigkeit der Nahrung

Das eine Definierte:

  • definieren / analysieren der vier Elemente

Die 9 Stufen der Konzentration

Ein großer Vorteil der Samatha-Meditation ist, dass sie in Stufen eingeteilt wird. Somit kann man genauestens den eigenen Fortschritt im Auge behalten und weiß was als nächstes zu tun ist. Sozusagen eine Art Schatzkarte auf der das Ziel mit einem X markiert ist. Folgend also die neun Stufen:

Stufe 1: Den Geist beruhigen.

Der Geist kommt zur Ruhe indem man ihm eine Aufgabe gibt, in diesem Fall ein Objekt auf das er sich konzentrieren kann.

Stufe 2: Die Ruhe aufrecht erhalten.

Der Geist wird anfangs versuchen sich mit aller Gewalt von den Fesseln der Konzentration los zu reißen. Deshalb wird versucht, den Fokus länger auf dem gewünschten Objekt zu halten.

Stufe 3: Den Geist wiederholt zurück bringen.

Versinkt man in Gedanken oder Tagträumen oder schweift man in die Vergangenheit oder Zukunft ab, wird es durch Achtsamkeit erkannt und der Geist wird zurück zum Objekt der Meditation gebracht.

Stufe 4: Der ruhende Geist.

Der Geist kommt allmählich zur Ruhe, dadurch vertieft sich automatisch die Konzentration auf das Objekt.

Stufe 5: Zähmung des Geistes.

Meditation bekommt ab dieser Stufe eine gewisse Leichtigkeit. Der Geist erkennt die Vorteile der Versenkung und man empfindet Vergnügung bei der Meditation.

Stufe 6: Befriedung des Geistes.

Die Störungen die während der Meditation auftreten werden sichtbar und die Abneigungen gegen die Versenkung verschwinden allmählich.

Stufe 7: Der friedvolle Geist.

Die Wurzeln der Störungen kommen ans Licht. Dadurch kann Müdigkeit, verstörende Emotionen und mentales Unbehagen vollständig ausgemerzt werden.

Stufe 8: Die Einpünktigkeit.

Ein gewisses Maß an Stabilität der Meditation tritt ein. Durch das wiederholte Nutzten der sogenannten acht Gegengifte, erhöht sich die Stabilität und man tritt in eine tiefere Sphäre ein.

Stufe 9: Ruhen in Gelassenheit.

Der Geist hält seine Konzentration auf dem Objekt vollkommen Natürlich. Ohne eines der Gegengifte gebrauchen zu müssen.

Pfad der Meditation (Klick)


Die 4 Kategorien

Folgend nun zur Tiefe der neun Stufen und was benötigt wird um alle zu erklimmen. Zwischen den neun Stufen gibt es vier mentale Kategorien in welche die Leiter eingeteilt wird. Hinzu kommen sechs Eigenschaften die gebraucht werden oder kultiviert werden müssen um den fünf mentalen Giften entgegen zu wirken. Dafür sind die oben genannten acht Gegengifte gedacht.

Die erste Kategorie heißt “Einsatz von starker Konzentration“. Hierzu zählen Stufe 1 und 2. Gemeint ist nicht stark im Sinne von Anstrengung sondern eher, dass dicht am Objekt bleiben.

Unterbrochener Einsatz” ist die zweite der vier Einteilungen. Diese tritt zwischen Stufe 3 bis zur 7 auf. Oft wird die Meditation hier von Müdigkeit und Unruhe gestört, weshalb sie nicht lange aufrecht gehalten werden kann.

Kategorie drei ist der “ununterbrochene Einsatz“. Dieser tritt ab Stufe 8 auf. Ab hier wird nur noch ein geringes Maß an Anstrengung benötigt und man hat größtenteils Müdigkeit und Unruhe überwunden.

Die letzte der vier Kategorien nennt sich “müheloser Einsatz“. Von hier an braucht man keinerlei Anstrengung mehr und die Meditation geschieht vollkommen Natürlich.


Die 6 Eigenschaften

Stufe 1 erreicht man durch das (1)Hören oder studieren der Technik.

Die nächste Hürde, Stufe 2, meistert man durch weiteres meditieren und vor allem (2)Selbstreflexion (Was kann ich besser machen? Was bewegte mich zum Aufstehen und Wieso?).

Durch (3)Achtsamkeit oder “sati” werden Stufe 3 und 4 hinter sich gelassen. Die Gewohnheit den Geist zurück zum Objekt zu bringen, lässt ihn langsam zur Ruhe kommen und vertieft die Konzentrationsfähigkeit.

Stufe 5, 6 und 7 werden durch (4)Aufmerksamkeit gemeistert. Mit Aufmerksamkeit ist das Fokussieren oder Betrachten eines Objektes gemeint. Ist man Aufmerksam, wird der Fokus auf negativen Störungen und Emotionen gelenkt um sie zu beobachten.

Als nächstes benötigt man (5)Sorgfalt und Fleiß. Dadurch erklimmt man Stufe 8 der Leiter. Stabilität der Konzentration und Meditation wird erhalten.

Die letzte Stufe erreicht man durch (6)komplette Bekanntheit und andauerndes Training der Meditation. Somit gewinnt die Versenkung einen dauerhaft bleibenden Zustand.


Die 5 mentalen Gifte
  1. Faulheit – meist durch schlechte Angewohnheit.
  2. Vergessen – man weicht vom Objekt ab.
  3. Müdigkeit/Unruhe – stören die gesamte Meditation.
  4. kein Gebrauch der Gegengifte – bemerken der Störung, jedoch wird keines der Gegengifte dafür genutzt.
  5. zuviel Gebrauch der Gegengifte – Störung wurde beseitigt, es wird aber nicht aufgehört das Gegengift anzuwenden.

Die 8 Gegengifte

Die ersten vier der Gegengifte werden für die Faulheit benötigt, in der anfänglichen Zeit wohl der größter Gegner. Die vier letzten hingegen können gezielt und sehr nützlich gegen den Rest der fünf mentalen Gifte angewendet werden.

  1. Bestreben / Interesse
  2. Anstrengung / Einsatz
  3. Glaube / Vertrauen
  4. Biegsamkeit / Flexibilität – nicht zu schnell nachgeben.
  5. Achtsamkeit / sati – Gegengift für das Vergessen, der typische “Aha-Effekt” oder beim Thema bleiben.
  6. Aufmerksamkeit – Gegengift der Müdigkeit und Unruhe. Durch dieses Gegengift fokussiert man die Störungen.
  7. Wachsamkeit – Gegengift für Punkt 4. Wahrnehmen und Bemerken ob eine Störung vorhanden ist oder nicht.
  8.  Gelassenheit – Gegengift für Punkt 5. Ist die Störung beseitigt kann man sich wieder entspannt der Meditation widmen.

Da nun eine Karte des Weges vorhanden ist, man weiß welche Feinde erwartet werden können und die Taschen voller Gegengift ist, gibt es nur noch eines zu tun. Man sollte sich auf den Weg begeben. Zieht die Stiefel der Faulheit aus und schlüpft in die Lauf-Schuhe. Nur durch tägliche Meditation ist das Ziel erreichbar. Die Reise sollte genossen werden und Errungenschaften bewundert. Tapfer und Motiviert bleiben, auch wenn es Rückschläge gibt, es gibt nichts zu Verlieren.

Zuletzt ein typischer Yoga-Spruch “Eine Blume braucht Zeit zum Wachsen, sie lässt sich nicht zum Blühen zwingen, dass geschieht von alleine!”

Bis zum nächsten Mal unterm Baum,

Namaste, Metta und Adé
– Anagarika