Liebe Yogins und Yoginis,

Das letzte Thema unterm Baum war die Samatha-Meditation. Deshalb will ich heute noch eine Stufe tiefer in die Materie eintauchen und die Meditation in Kombination mit einem der Objekte näher beleuchten. Wie die Überschrift schon vermuten lässt, ist das gemeinte Objekt der Atem.

Die Samatha-Meditation mit der Achtsamkeit auf die Ein- und Ausatmung heißt Anapanasati. Die Meditation rund um den Atem ist in jeder Richtung des Buddhismus weit verbreitet. Große Aufmerksamkeit genießt Anapanasati vor allem in den Regionen um Myanmar, Sri Lanka und Thailand herum.

Von dort kommen viele und sogar sehr genau Anweisungen über die Technik des Anapanasati. Die großen burmesischen Theravada Meister werden “Sayadaw” und die Thailändischen “Ajahn” genannt. Zwei der berühmtesten unter ihnen sind Ledi Sayadaw und Mahasi Sayadaw. Weitere sehr bekannte Meister waren zudem Ajahn Chah, Ajahn Mahaboowa oder Webu Sayadaw aus der Ledi-Tradition. Letzterer war der Lehrer U Ba Khins, der wiederum Lehrer des berühmten S.N. Goenka war.

Des Weiteren gibt es einen eigenen Diskurs Buddhas über diese Methode der Meditation im Pali-Kanon, namentlich das Anapanasti Sutta. Auffindbar in den mittleren Lehrreden, Majjhima Nikaya 118 oder HIER.


Traditionen des Anapanasati

Der größte Unterschied der Traditionen liegt wohl in der Methode wie jeweils Anapanasati praktiziert wird. Welcher Richtung gefolgt wird ist im Grunde egal, es ist immer das Beobachten des Atems. Webu Sayadaw, der als Anapanasati und Vipassana Meister galt und sowohl als Arhat bzw. Erwachter, sagte folgendes über Anapanasati: “Dies ist eine Abkürzung ins Nirwana, die jeder nutzen kann. Es ist eine Art der Erforschung und im Einklang mit der Lehre des Buddha, wie in den Schriften erhalten. Der Weg führt geradewegs Richtung Nirwana.”

Durch das unentwegte üben Anapanasatis, bis zu einer sehr tiefen Ebene der Konzentration, wird es möglich Vipassana oder Einsichten “in die wahre Existenz aller Dinge” zu erlangen.


Linie des Ledi Sayadaw

Ledi Sayadaw lehrte Anapanasati folgender maßen: Der Meditierende konzentriert sich als erstes auf den sogenannten “Punkt der Berührung”. Bedeutet an dem Punkt, an dem die Ein- und Ausatmung deutlich spürbar ist. Das ist oft rund um die Nasenlöcher, die Oberlippe oder in der Nase.

Als nächstes beginnt man die Atmung zu zählen. Also Ein- Ausatmung… eins, Ein- Ausatmung… zwei usw. Das macht man insgesamt sechs Runden lang. Die erste Runde wird von 1 bis 5 gezählt, Runde zwei von 1 bis 6, Runde drei von 1 bis 7 und die letzte Runde, Runde sechs von 1 bis 10. Wird man von Gedanken weggetragen, beginnt man wieder bei Runde eins die von 1 bis 5 gezählt wird. Eine kleine Hilfe für das Zählen wäre eine Mala- oder Gebetskette, also eine Hilfe für die Hilfe.

Da das Zählen mit einer Krücke zu vergleichen ist, lässt man es natürlich Weg, sobald die Konzentration tief genug ist. Die richtige Zeit ist gekommen wenn die Konzentration eine Weile lang ungestört von Gedanken oder Abschweifungen gehalten werden kann. Als nächstes wird die Konzentration des Geistes weiter und ohne die jeweiligen Hilfestellungen geübt.


Linie des Mahasi Sayadaw

In der Tradition von Mahashi Sayadaw wird so gelehrt: Anstatt das der Fokus hier auf dem “Punkt der Berührung” liegt, achtet man hier auf die Auf- und Abbewegung des Abdomens oder Bauches. Selbes Prinzip, anderer Punkt also.

Das einzigartige an dieser Methode ist jedoch das “Bemerken”. Hiermit wird das Bemerken der Empfindungen oder Gedanken gemeint, die während der Meditation auftauchen. Wichtig ist das eben nur bemerkt wird, man denkt nicht darüber nach woher oder warum diese Empfindung oder der Gedanke kommen. Tritt zum Beispiel ein Jucken oder Schmerz auf, macht man eine kurze mentale Bemerkung wie “Jucken, Jucken”“Schmerz, Schmerz”, einmal reicht natürlich auch, also z.B. “Gedanken”, “hören” usw.

Je nach Intensität der Empfindung richtet man nach dem Bemerken die Aufmerksamkeit auf sie, bis sie wieder verschwindet. Danach kommt man wieder zurück zur Atmung. Ist es nur ein “kleines Aufflammen” einer Empfindung, reicht das Bemerken vollkommen aus. Somit entwickelt sich schon früh ein Gefühl für die “Unbeständigkeit oder Impermanenz” aller Dinge. Das Bemerken lässt sich übrigens auch nach der Meditation, im täglichen Leben, weiter führen.


Wichtiges & Hilfestellungen

Eine große Hilfe ist wie oben beschrieben, dass zählen des Atems. Ob nun wie in der Ledi-Methode oder von 1-100, ist egal. Genauso steht es um den Punkt der Konzentration, Nase, Brust oder Bauch sollte für sich selbst entschieden werden. Es ist immerhin Achtsamkeit der Ein- und Ausatmung, nicht Achtsamkeit der Nase.

Nun zu den Wichtigen Punkten. Zuerst das WIE beobachtet wird. Der Atem sollte ganz genau beobachtet werden, hier spricht Buddha oft vom kompletten Körper. Damit ist nicht der Körper an sich gemeint, sondern der Atemkörper. Demnach wird dem Atem nicht durch den Körper gefolgt wie Anfang – Nase, Mitte – Brust und Ende – Bauch, sondern gemeint ist das Beobachten von Anfang, Mitte und Ende jeder Ein- und Ausatmung am Punkt der Konzentration.

Dafür gibt es im Visuddhimagga einen sehr treffenden Vergleich. Den Vergleich des Yogins und dem Torwächter. Den Torwächter interessiert in erster Linie nur das, was gerade am Eingang des Tores vor sich geht. Wer in- oder außerhalb der Stadt ist, findet keine Beachtung. So soll demnach auch der Yogin nur darauf achten, was am Punkt der Aufmerksamkeit passiert.

Nächster Punkt, dass WAS beim Atem beobachtet wird. Man sollte sich nicht auf die Merkmale der vier Elemente im Atem konzentrieren. Das wäre Erde (schwere, härte oder Leichtigkeit), Wasser (fließen oder Zusammenhang), Feuer (wärme, kälte) und auch nicht auf das Element des Windes (drängen und unterstützen). Alles auf was sich Konzentriert wird ist der Atem im Allgemeinen oder auf das Konzept. Er kommt, er geht.

Ist der Geist sehr unruhig und auf ständiger Wanderung, unterstützt man die Konzentration einige Momente lang durch kurze mentale Bemerkungen. “Ein – Aus”“Ein – Aus”“Ein – Aus” … usw.


Zusammenfassung

Am Anfang sucht man sich also einen Punkt aus an dem der Geist fest gekettet wird, nehmen wir als Beispiel die Region um die Nasenlöcher. Als nächstes spürt man bewusst das kommen und gehen des Atems an dem ausgewählten Punkt und versucht ihn ganz genau zu beobachten.

Anfang der Einatmung →

Mitte der Einatmung

Ende der Einatmung

Anfang der Ausatmung 

Mitte der Ausatmung

Ende der Ausatmung

Kommen Gedanken und man wird davon weggetragen, machen wir nichts weiter als es zu bemerken und wieder zurück zur Atmung zu kommen. Kommt der Drang aufstehen zu wollen, bemerken wir ihn und kommen wieder zurück zum Punkt der Konzentration und der Atmung. Eigentlich ganz simpel benötigt aber eine Menge Geduld, stellt euch vor der Geist ist ein kleines Kind das noch viel zu lernen hat.


Abschließend bleibt nicht viel zu sagen außer, viel Spaß beim Üben. Man sollte sich nicht entmutigen lassen, die Konzentration zu trainieren kann Wochen, Monate oder Jahre dauern, lohnen wird es sich aber definitiv!

Bis zum nächsten Mal unterm Baum,

Namaste, Metta und Adé
-Anagarika