Liebe Yogins und Yoginis,

Unterm Baum geht es heute um die berühmte Vipassana-Meditation des Buddhismus. Diese Art der Meditation, ist ebenso wie die Samatha-Meditation, ein fester Bestandteil des Theravada und Mahayana. Verschiedene Namen hierfür sind auch Vipashyana oder tibetisch Lhaktong und bedeutet übersetzt “Einsicht in die wahre Natur der Realität”, weshalb sie auch als Einsichtsmeditation bekannt ist.

Om Mani Padme Hum

Heute gibt es eine große Vipassana-Bewegung um die man, wenn man sich mit Meditation beschäftigt, wohl nicht drum herum kommt. Zu dieser gehören Namen wie Joseph Goldstein, Sharon Salzberg, U Ba Khin und sein berühmter Schüler S.N. Goenka. Diese Bewegung hat als Hauptmeditation Vipassana und es wird wenig Wert auf die Vorarbeit der Konzentration, also der Samatha-Meditation, gelegt. Weshalb hier auch oft der Name “Dry-Vipassana” oder “Trockene-Einsichtsmeditation” vorkommt.

Im Normalfall gehören Samatha und Vipassana zusammen. Man könnte also sagen, dass diese beiden aufeinander aufbauen, ohne Konzentration keine Einsicht und ohne Einsicht keine Konzentration. Beide Punkte zählen also demnach zu sammā samādhi, der rechten Konzentration/Sammlung des edlen achtfachen Pfades. Schauen wir uns nun an, was Vipassana bringt, was dafür nötig ist und wie es praktiziert wird.


Ziel der Vipassana-Meditation

Das Ziel der Vipassana-Meditation ist schon wie oben beschrieben Einsicht zu erlangen. Die erste Einsicht, ist die in “die vier edlen Wahrheiten” und die Entstehung des Leidens (dukkha) durch den Geist selbst. Dieses wird unter anderem durch Verblendung oder Unwissenheit, Gier und Anhaftung hervorgerufen.

Um eben dieses Leiden zu beseitigen benötigt es Einsicht “in die wahre Natur der Dinge oder Realität” und die drei “Existenzmerkmale”. Die drei Merkmale wie Buddha sie lehrte sind Unbeständigkeit (anicca), Leiden (dukkha) und Nicht-Selbst (anatta). Um Wissen über diese zu erlangen, müssen “die fünf Aggregatzustände” oder “Skandhas” beobachtet werden.


Die Skandhas

Die fünf Gruppen zur Beobachtung sind Körper, Gefühle, Wahrnehmung, Geistesformation und Bewusstsein. Betrachtet man jeweils die fünf Punkte, kann man sehen das jedes der drei Existenzmerkmale auf diese zutreffen. Beginnend mit der Erklärung der ersten Gruppe:

Körpergruppe:

Die Grundlage jedes Körpers ist die Form. Die gesamte Materie in der Formen wiederum vorhanden sind, bestehen aus den vier Elementen. Demnach ist die Grundlage von allem:

  • Erde – Fest
  • Feuer – Hitze
  • Wind – Bewegung
  • Wasser – Zusammenhalt

Für diese Gruppe eignet sich der Atem am besten, da er jedes dieser Merkmale aufweist und somit alles Beobachtet werden kann. Ein Grund weshalb Anapanasati für Samatha-Vipassana aufgeführt wird und selbst Buddha diese Art der Meditation so hoch lobte.

Gefühlsgruppe:

Hier sind nicht Emotionen wie Liebe, Mitgefühl oder Hass gemeint, diese haben einen tieferen Grund und sind deshalb in eine andere Gruppe einzuordnen. Gemeint sind Körperempfindungen wie Heiß, Kalt, Schmerz, die auf die Sinnesorgane zurückführen und somit in drei Kategorien eingeordnet werden können:

  • angenehm
  • unangenehm
  • neutral

Ein Beispiel für eine unangenehme Empfindung wären Schmerzen im Knie während der Meditation. Nun kommen aber noch viele weitere Faktoren durch unseren Geist hinzu, da dieser es nicht einfach bei “einer unangenehmen Empfindung” belassen kann. Er will diese Empfindung nicht haben und somit werden mentale Barrieren aufgebaut die im Grunde alles nur schlimmer machen als es ist.

Wahrnehmungsgruppe:

Die Wahrnehmung ist das, was man mit Erkennen meint. Es kommt also z.B. zwischen Auge und Objekt, das Sehen an sich, der Kontakt dieser beiden ist unsere Wahrnehmung und demnach zuständig für:

  • erkennen
  • merken

Durch die Funktionen des Erkennens und merken ist es also zuständig für die Interpretation von Dingen. Sieht man etwas kleines, rundes und orange farbenes, nimmt die Wahrnehmung direkt an, dass es sich hier um eine Orange handelt. Jedoch kann die Wahrnehmung sich auch täuschen, wie im häufigen Yoga-Vergleich der “Schlange und des Seils”.

Geistformationsgruppe:

Bei diesem Punkt Verschmelzen Empfindungen und Wahrnehmung miteinander, hier entstehen Emotionen. Treffen diese beiden aufeinander entsteht Aktion und somit erst ab hier auch das Karma. Die Aufgabe ist also:

  • Interpretation der Wahrnehmung

Aus dieser Gruppe entspringen also negative Tätigkeiten wie Wollen oder Abneigung und auch positive Taten wie Aufmerksamkeit, Konzentration oder Entschlossenheit.

Bewusstseinsgruppe:

Bewusstsein bedeutet so viel wie Wissen oder das Erkennen der Erfahrung. Dabei nimmt es nicht direkt selbst wahr sondern nur durch Informationen der sechs Sinne (Sehen, Hören, Riechen, Tasten, Schmecken und Geist). Aufgabe ist:

  • Wissen und Interpretation der vier Gruppen

Bewusstsein ist sozusagen die Grundlage, das Fundament. Es ist Wissen an sich, da es in Zusammenhang mit allem steht und die nötigen Informationen hat. Durch eben dieses Wissen von dem was passiert entsteht das “Selbst-“ oder “Ich”-Gefühl.


 

Durch Bewusstsein und nutzen der Sinne entsteht → Ich

→ Ich hat einen Körper / Form

→ dadurch hat das Ich Empfindungen

→ Das Ich kennt und erkennt Empfindungen wieder

→ Das Ich handelt aufgrund der Interpretation des Erkennens

Durch diese Erfahrungen → entsteht ein stärkeres Ich-Bewusstsein

Durch eben diesen Kreislauf und unsere Unachtsamkeit entsteht das Leiden.


Vipassana Praxis

Nun zum praktischen Teil und wie diese angewendet wird. Es ist eine Art der analytischen Meditation, man beobachtet durch Achtsamkeit also das, was aufkommt und versucht dann die drei Existenzmerkmale zu erforschen, die in allem vorhanden sind. Also das Betrachten der Skhandas von Körperempfindungen, Gefühlen, Gedanken bis zu Reaktionen darauf. Hierbei ist wichtig nicht in einen inneren Dialog zu geraten, es ist wie immer reines beobachten und wissen. Es wird bloß “zugesehen” wie die Dinge entstehen, eine kurze Zeit bleiben und ebenso wieder vergehen usw.

Eine Technik die ich aufführen möchte ist der Trockenen-Einsichtsmeditation zugewiesen und viele haben sicherlich schon davon gehört. Es ist das sogenannte “Bodyscanning” von S.N.Goenka. Hier scannt man also durch den Körper, von Kopfspitze bis zu den Zehen, ganz langsam, mit Geduld und Punkt für Punkt. Man beginnt bei der Kopfspitze und hält die Aufmerksamkeit für ein oder zwei Minuten dort und schaut ob irgendeine Empfindung spürbar wird. Kommt nichts geht man weiter zur Stirn und verweilt wieder einige Zeit dort, dann zur Nase, Mund, Hals, Schultern, gesamter Körper usw. Andere Methode, gleicher Zweck.

Als letztes das Beispiel Anapanasati. Ist der Geist konzentriert schaut man sich mit Achtsamkeit (sati) die Eigenschaften des Atems an, beispielsweise Kälte und Wärme. Durch die Empfindung kommen nun die Wahrnehmung, Emotionen, Reaktionen darauf und das Bewusstsein selbst zum Vorschein und können durch viel Übung untersucht werden.


Zusammenfassung

Zum Abschluss also noch einmal kurz was Vipassana ist: Es ist eine Art der Meditation um Einsicht in den eigenen Geist und damit die Realität zu bekommen. Vipassana wird gemeinsam mit Samatha (Geistesruhe) kultiviert und geübt, diese beiden gehören zusammen. Was beobachtet wird ist folgendes:

  • Wahrnehmungen
  • Empfindungen
  • Gedanken
  • Emotionen
  • Reaktionen
  • Bewusstsein

Wichtig: Nur Beobachten – vermeiden von innerem Dialog!


Ich hoffe ich konnte verständlich die Praxis der Vipassana-Meditation aufzeigen. Ebenso wie die Samatha-Meditation ist diese leicht zu erlernen aber schwer zu Meistern. Wie immer wird viel Geduld  und Spaß am erkunden des Geistes benötigt. Vipassana ist der Weg der Selbst-Wandlung durch Selbst-Beobachtung.

Bis zum nächsten Mal unterm Baum,

Namaste, Metta und Adé
-Anagarika